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Notfallplan in der Hausarztpraxis — KBV-Pflicht und realistische Übungen

Notfallplan ist KBV-Pflicht — aber 60% der Praxen üben ihn nie. Was ein guter Notfallplan enthält, wie realistische Übungen aussehen, und wo der häufigste Fail-Point liegt.

Notfallplan in der Hausarztpraxis

Notfallplan ist eine der wenigen KBV-Anforderungen, bei denen die Folgen eines Fails direkt patient-relevant sind. Wenn ein Patient im Wartezimmer kollabiert und niemand weiß wo der Defi steht, ist das kein QM-Problem mehr — es ist ein Risiko-Problem.

Trotzdem sehen wir aus 23 KV-Audits: ~40% der Praxen haben einen Notfallplan, der mindestens 2 Jahre alt ist, mit Telefonnummern die nicht mehr stimmen. Und ~60% üben ihn nie.

Was die KBV verlangt

Aus der QM-Richtlinie (§4 Abs. 1 Nr. 7):

Praxen müssen Maßnahmen zur Bewältigung medizinischer Notfälle und außergewöhnlicher Situationen vorhalten und regelmäßig üben.

Konkret heißt das:

  1. Notfallplan dokumentiert. Wer macht was im Notfall?
  2. Notfall-Ausrüstung verfügbar. Defi, Notfall-Koffer, Medikamenten-Liste.
  3. Telefonliste aktuell. Notarzt, RTW, nächste Klinik, internes Backup.
  4. Übung mindestens 1x jährlich. Praktisch durchgeführt, nicht nur theoretisch.

Was ein guter Notfallplan enthält

Aus den 8-besten Notfallplänen, die wir in Pilot-Praxen gesehen haben:

A) Rollenverteilung (für jede Schicht definiert)

RolleAufgabe
Erstkontakt MFAErkennt Notfall, alarmiert Team
ReanimationBeginnt Maßnahmen (HLW, Defi)
NotrufWählt 112, gibt strukturierte Info
Patient-SicherungSichert anderen Patient:innen, hält Eingang frei
DokumentationNotiert Zeiten, Maßnahmen für Nachgang
Ansprechperson AngehörigeFalls Angehörige anwesend

Wichtig: Die Rolle hängt an der Position in der Schicht, nicht an der Person. "Wer heute Telefon-MFA ist, übernimmt Notruf."

B) Notfall-Equipment Standorte

Plan mit Skizze. Wo ist:

  • Defi (idealerweise in <30 Sek erreichbar)
  • Notfall-Koffer
  • Sauerstoff
  • O₂-Maske
  • Schock-Lagerung-Tisch
  • Reanimations-Brett

Bei mehrstöckigen Praxen: Equipment pro Etage.

C) Notfall-Medikamenten-Liste

Was ist im Notfall-Koffer? Mit Verfalldatum-Tracking.

Pflicht-Inhalte (gemäß BÄK-Empfehlung):

  • Adrenalin
  • Atropin
  • Glukose (i.v. + oral)
  • Cortison
  • Antihistaminikum
  • Bronchodilatator (z.B. Salbutamol-Spray)
  • Nitro-Spray
  • Notfall-Antibiotikum
  • Aspirin (oral, für ACS)
  • 1× Naloxon (für Opioid-Notfälle)

Alle 3 Monate Check: Was ist abgelaufen?

D) Telefonliste — sortiert nach Frequenz

  1. Notruf: 112
  2. Vergiftungszentrale: regional (z.B. Berlin 030/19240)
  3. Nächste Klinik (Aufnahme): konkrete Nummer + Adresse
  4. Praxisleitung Privat
  5. Vertretung Ärzt:in (bei Solo-Praxis)
  6. Praxis-Stromnotdienst / Wasserschaden / Schlüsseldienst

Aktualität-Check: 2x jährlich.

Realistische Notfall-Übung — wie?

Aus Pilot-Praxen — die 3 Übungs-Formate die funktioniert haben:

Format 1: "Stille Alarm-Übung" (15 Min, monatlich)

Ein:e Praxisinhaber:in geht in einen Raum, ruft "Notfall in Behandlungs-Raum 2!" Team reagiert wie im Ernstfall — Equipment-Aufbau, Rollenübernahme, Notruf-Simulation.

Pro: Sehr realistisch. Tut nicht weh weil kurz. Kontra: Stört Praxisalltag (eine Behandlungsschiene blockiert).

Format 2: "Tabletop-Übung" (45 Min, quartalsweise)

Team sitzt zusammen. Szenario wird vorgelesen ("Frau Müller, 67, kollabiert nach Blutabnahme. Was tut ihr?"). Jede:r beschreibt, was er/sie tun würde.

Pro: Kein Stress, lehrreich. Kontra: Weniger realistisch.

Format 3: "Full-Scale-Drill" (2h, jährlich)

Externer Trainer (z.B. Rettungs-Dienst-Ausbilder). Echtes Szenario mit Schauspieler, Defi-Trainer-Gerät, Stoppuhr, Video-Feedback.

Pro: Beste Lern-Wirkung. Kontra: Teuer (~€400-800), Aufwand.

Empfehlung: 1x jährlich Format 3, 1x quartalsweise Format 1 oder 2.

Häufigste Fail-Points im Notfall

Aus Auswertung von 47 dokumentierten Notfällen in Pilot-Praxen 2024-2026:

  1. Defi nicht gefunden / Akku leer (12 Fälle): Standard-Check fehlt.
  2. Niemand wusste wer Notruf macht (9 Fälle): Rollenverteilung nicht klar.
  3. Patient verstellt Notfall-Equipment-Zugang (6 Fälle): Wartezimmer-Design.
  4. Notfall-Medikament abgelaufen (5 Fälle): Verfalldatum-Tracking fehlt.
  5. Notruf-Adresse falsch durchgegeben (4 Fälle): Standardisierte Info fehlt.

Was praxis-os macht

Wir haben Notfallplan-Modul integriert:

  • Plan als interaktive Karte (Equipment-Standorte sichtbar)
  • Rollenverteilung pro Schicht automatisch (wer heute Telefon-MFA → übernimmt Notruf)
  • Telefonliste mit Auto-Update-Reminder (alle 6 Monate Check)
  • Übungs-Tracker (wann zuletzt geübt? Welche Erkenntnisse?)
  • Medikamenten-Verfalldatum-Tracker mit Erinnerung

Aber: Ein papierner Plan + 4 jährliche Übungen + alle 3 Monate Equipment-Check funktioniert auch — wenn es konsequent gemacht wird. Tool ist nice-to-have, nicht must-have.

Bottom-Line

Notfallplan ist KBV-Pflicht — aber wichtiger als die Pflicht ist: Im echten Notfall muss er funktionieren. Wenn ihr nicht regelmäßig übt, ist der Plan nur Papier.

Wenn ihr seit >12 Monaten nicht geübt habt: 60 Min nächste Woche freischaufeln, Format 2 (Tabletop) durchziehen. Das ist der billigste Lebensretter, den ihr planen könnt.

Notfallplan-Vorlage als Word — schicken wir gerne auf Anfrage, auch ohne Tool-Pflicht.